Wie ist eine Geburt für das Baby? Und was haben Geburt, Tod, das Leben danach und Platon miteinander zu tun?
Die Schwangerschaft ist eine wunderbare Zeit, die uns in vielerlei Sicht empfindsamer macht. Wir können nicht nur besser riechen, wir haben auch eine feinere Wahrnehmung und finden in dieser besonderen Phase vielleicht einfacher zu uns selber. Zumindest ging es mir in beiden meinen Schwangerschaften so. Ich hatte auf einmal einen anderen Zugang zu meiner eigenen Spiritualität, fühlte mich unglaublich angezogen von Natur und ihrer Schönheit in Form, Farbe und Bewegung und kam auf Gedanken, auf dessen Idee ich vorher nie gekommen wäre. Ein Baby in mir tragend, für das mein Uterus in diesem Moment das gesamte Universum war, hat meinen Blickwinkel auf den Tod oder das Leben danach komplett verändert.
Für Dein Baby in Deinem Bauch bist Du das gesamte Universum. Wie fühlt es sich wohl, wenn es auf einmal enger und enger wird, kaum Platz mehr für es bleibt in seiner bisherigen Welt? Was für Emotionen mag es haben, wenn die Wehen beginnen, die ja auch mit durch das Baby ausgelöst werden? Für mich kam irgendwann der Gedanke, dass die Geburt letztendlich wie ein kleiner Tod für das Baby ist – es verlässt sein Universum und wird in eine neue Welt geboren, es gibt seine derzeitige Energieversorgung auf und stellt um von Nabelschnur auf Milch und Luft, aus dunkel wird hell und dumpfe Sinneswahrnehmungen nehmen neue, volle Gestalt an.
Ist das nicht ein bisschen das, was wir uns unter einem Leben nach dem Tod vorstellen? Ein anderer Ort, eine andere Form, aber irgendwie doch schon immer da?
Der Tod als Akt der Befreiung, als Transformation nicht als Ende – ein tiefes, ehrliches Loslassen wird dann wie ein Zelebrieren des Todes.
Wenn wir das verinnerlichen können, wird alles Beharren überflüssig, wird klar dass das was uns beengt, bedrückt oder verängstigt unser eigenes Festhalten ist und wir die einzigen sind die loslassen können, um wirklich frei zu sein.
Und wie sich die Frage stellt – haben wir Angst vor dem Tod oder feiern wir ihn, im Glauben an eine tiefe Befreiung, so stellt sich auch die Frage, feiern wir die Geburt oder haben wir Angst vor Schmerz und eventuellen Geburtsfolgen. Ich denke, wir sollten uns auf die Geburt freuen, denn sie ist nicht nur „Befreiung“ Deines Babys in unsere Welt, sie kann auch wunderschön sein – wenn wir Angst und Sorge loslassen und uns gemeinsam mit unserem Baby auf die Geburtsreise begeben.
Als ich meinem Vater von meinen Gedanken berichtete, erzählte er mir von Platon’s Höhlengleichnis – eine Verbildlichung der Gleichsetzung der eigenen Wahrnehmung mit der Wirklichkeit. Die Gefangenen in der Höhle, die die äußere Welt nur als Schatten oder dumpfe Geräusche wahrnehmen, aber überzeugt sind, ihre Höhle sei die einzige Realität. Die Angst hätten, vor dem was draußen auf sie wartet, weil sie kein Bild davon haben und es nicht kennen. Der Schritt nach draußen, wie der Übergang in eine neue Erfahrungswelt, der für fast alle Menschen erst einmal verwirrend und beängstigend ist.
Und meine liebe Sarah Horras, bei der ich zur geburtsvorbereitenden Hypnose war, gab mir diese wunderschöne kurze Geschichte mit auf den Weg, deren Autor ich leider nicht kenne:
„Die Zwillinge im Mutterleib:
Es geschah, dass in einem Schoß Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen und die Knaben wuchsen heran. In dem Maß, in dem ihr Bewusstsein wuchs, stieg die Freude. "Sag, ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? Ist es nicht wunderbar, dass wir leben?" Die Zwillinge begannen ihre Welt zu entdecken. Als sie die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude: "Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!" Als aber die Wochen vergingen und schließlich zu Monaten wurden, merkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten. "Was soll das heißen?" fragte der eine. "Das heißt", antwortete der andere, "dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht." "Ich will doch gar nicht gehen", entgegnete der andere, "aber vielleicht kommt noch irgendetwas nach der Geburt!" "Wie könnte das sein?" fragte zweifelnd der erste, "wir werden unsere Lebensschnur verlieren, und wie sollten wir ohne sie leben können? Und außerdem haben auch schon andere vor uns diesen Schoß hier verlassen und keiner von denen ist zurückgekehrt und hat uns gesagt, dass es noch irgendeine Hoffnung gibt! Nein, die Geburt ist das Ende!"
So fiel der eine von ihnen in tiefen Kummer und sagte: "Wenn unser Leben mit der Geburt endgültig endet, welchen Sinn hat es denn dann gehabt? Gar keinen! Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter alledem". "Aber sie muss doch existieren", prophezeite der andere, "wie sollten wir sonst hierher gekommen sein. Und wie konnten wir am Leben bleiben?" "Hast du je unsere Mutter gesehen?" fragte der eine. "Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir uns dadurch unser Leben besser erklären können". Und so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter gefüllt mit vielen Fragen und großer Angst. Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sich ihre Augen. Und was sie sahen, übertraf ihre kühnsten Träume.“
Und so sehr ich die Gedanken des einen Zwillings teile, so bin ich persönlich doch noch weit davon entfernt immer loslassen zu können. Aber in den Momenten, wo es mir gelingt, wo ich aufhöre meine Ängste und Ideen festzuhalten, merke ich, wie gut es tut.
„Es ist das Ende der Welt“ sagte die Raupe. „Es ist erst der Anfang“ sagte der Schmetterling. ~ (Unbeknannter Autor)
So viel als kleinen Einblick in meine Gedankenwelt... ich hoffe es hat Dir Spaß gemacht ein wenig daran teilzuhaben.
With luv,
Laura
